Älteste Bierflasche Deutschlands

Dr. Stefan Pieczonka, analytischer Lebensmittelchemiker an der TU München, befand sich vom 29. Mai bis zum 2. Juni 2022 in Madrid, Spanien. Grund dafür ist der EBC Kongress, eine dreitägige Messe der European Brewery Convention. Jährlich kommen hier hunderte Brau-Begeisterte Menschen aus der ganzen Welt zusammen. Das diesjährige Thema: „Brewing it differently – under difficult Circumstances.“

In weißem Hemd, schwarzem Sacko und weißem Einstecktuch steht Stefan Pieczonka inmitten eines Saales des führenden Messeplatzes in Spanien, dem madrilenischen Kongressgebäude IFEMA. Mehr als einhundert Menschen sind für seinen 30-minütigen Vortrag eingetroffen – und hängen an seinen Lippen. Es geht um die älteste Bierflasche Deutschlands, gehörend zu der Privatbrauerei Barre aus Lübbecke, NRW. Ein Produkt, das sich als Vorreiter in Sachen „Brauverfahren“ herausstellen soll – brewed differently eben.

Für den Abschluss seiner Doktorarbeit wollte Stefan Pieczonka etwas Besonderes thematisieren. Die älteste Bierflasche Deutschlands sollte es sein. Ein mehrköpfiges Forscherteam der Technischen Universität München (TUM) widmet sich dem historischen Fund. Für dieses ganz besondere Bier kommen Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche zusammen: während sich Stefan Pieczonka vom Lehrstuhl für Analytische Lebensmittelchemie (Prof. Schmitt-Kopplin, Prof. Rychlik) der umfassenden molekularen Analyse widmet, werden die brautechnischen und –spezifischen Analysen sowie die mikrobiologischen Untersuchungen von Dr. Martin Zarnkow und Dr. Mathias Hutzler am Forschungszentrum Weihenstephan für Brau- und Lebensmittelqualität der TU München (Prof. Fritz Jacob, nun Dr. Martina Gastl) durchgeführt.

Gefunden wurde die einzigartige Flasche 1978 bei den Bauarbeiten in einem Lübbecker Geschäftshaus – zufällig also. Ein luftdichter Korken im Flaschenhals, zusätzlich mit Draht und rotem Wachs verschlossen, schützt das Getränk im Inneren. Schnell kann das Gebinde als eine Flasche der Privatbrauerei Barre ausgemacht und auf das Jahr 1885 (circa), also in das späte 19. Jahrhundert, zurückdatiert werden. Die Flasche gilt für die Lübbecker Brauerei am Wiehengebirge zudem als eine ganz besondere. Wahrscheinlich ist es eine der ersten Flaschen ihrer Art, die damals in dieser Form abgefüllt und verladen wurden für die Lieferung an den „Nordeutschen Lloyd“, eine Bremer Reederei. Per Pferdefuhrwerk wurden die Flaschen zu dieser Zeit nach Lemförde zum Bahnhof befördert, um die Reise dort per Dampfzug nach Bremen anzutreten.

Das Sektflaschen ähnliche Gebinde beinhaltet 0,75 Liter und begleitete die Auswanderer der Dampfschiffflotte von Bremerhaven aus in die weite Welt. Das in Lübbeckes Altstadt gefundene Exemplar war sogar noch zu 4/5 gefüllt – mit original „Barre Pilsener“. Dieser Inhalt wurde 2018 dann für eine Expertenanalyse zur Verfügung gestellt.

Das Expertenteam aus dem Forschungszentrum in Weihenstephan (TUM) hat die Probe zunächst chemisch-mikrobiologisch unter die Lupe genommen. Die erstaunliche Erkenntnis: Nach mehr als 130 Jahren ist das älteste Bier immer noch in einem beispiellosen Zustand und nachweislich nach dem Maßstab des Deutschen Reinheitsgebotes gebraut worden. Bei der sensorischen Verkostung stellte man erfreulicherweise fest, dass es fortwährend ein feines Profil aufweist. Geschmack und Geruch erinnern an Sherry-, Madeira- und Portweinnoten, die die Fachleute dem Molekül Sotolon zuschreiben. Zwar sei die Gaumenfülle abgeschwächt und die Farbe etwas verdunkelt, doch noch immer wäre ein leicht prickelnder Kohlensäuregehalt zu vermerken, so das Fazit der Experten.

Im Zuge von Stefan Pieczonkas Doktorarbeit blickte er noch weiter ins Detail dieser außergewöhnlichen Bierprobe und schlüsselte mit modernster instrumenteller Analytik die molekulare Zusammensetzung auf. Das Team rund um Stefan Pieczonka hat hierzu über Monate geforscht, recherchiert und mehrere hundert Vergleichsbiere analysiert. Ihre außergewöhnlichen Ergebnisse werden im Paper „Archeochemistry reveals the first steps into modern industrial brewing“ festgehalten und wurden im Journal „Nature Scientific Reports“ publiziert.

Die älteste gefüllte Bierflasche Deutschlands und damit auch das älteste Bier, sind und bleiben damit in Fachkreisen ein einzigartiges Thema. Wer das einmalige Fundstück und die Geschichte dazu live erleben möchte, hat die Chance die Flasche im Brauereimuseum der Privatbrauerei Barre in Barre’s Brauwelt (Lübbecke, NRW) zu besichtigen.